Architektur

Erbaut, um zu vergehen: Temporäre Architektur, inspiriert von der Natur

Im Laufe der Geschichte hat die Architektur oft nach Ewigkeit gestrebt. Gebäude, die für die Ewigkeit konzipiert wurden, verkörpern die menschliche Sehnsucht nach Stabilität und Schutz – einen physischen und symbolischen Zufluchtsort vor der Unsicherheit des Lebens und der sich ständig verändernden Welt draußen.

Die Solidität von Bauwerken diente lange als Gegenpol zur Vergänglichkeit des Daseins: ein Bestreben, dem von Natur aus Flüchtigen Beständigkeit zu verleihen. Dieses Streben nach Dauerhaftigkeit verschmolz oft mit dem Bestreben des Architekten, Spuren zu hinterlassen – Werke zu schaffen, die ihre Schöpfer überdauern sollten.

Heute ist Beständigkeit jedoch nicht mehr der einzig mögliche Horizont. Ein wachsender Zweig der zeitgenössischen Architektur wendet sich stattdessen der Vergänglichkeit zu – er integriert natürliche Prozesse, Transformationszyklen und die zeitliche Natur von Materialien in den Entwurfsprozess.

Ephemere Architektur: Die Natur als Kollaborateur

Temporäre Architektur InPost 1

In dieser Vision soll Architektur nicht länger der Zeit widerstehen, sondern mit ihr in Dialog treten – Wandel, Transformation und sogar ihr eigenes Verschwinden annehmen. Es sind Bauwerke, die mit den Jahreszeiten verschmelzen, spurlos abgebaut werden können oder langsam zu dem Land zurückkehren, aus dem sie entstanden sind.

Bei ephemeren Projekten ist die Natur nicht Kulisse, sondern aktiver Partner. Schnee wird zum Baumaterial, Eis definiert Wände und Schwellen, Holz wird aufgrund seiner sich wandelnden Textur und Farbe gewählt, und Erde wird von Wind und Erosion geformt.

Temporäre Architektur drängt sich der Landschaft nicht auf; sie tritt mit ihr in Dialog. Sie akzeptiert Wandel, Verwitterung und mitunter auch das Verschwinden. Diese Architektur zielt nicht darauf ab, die Elemente zu beherrschen, sondern mit ihnen zu koexistieren – und begreift die Vergänglichkeit als wesentlichen Bestandteil ihres Entwurfs.

Eisarchitektur: Die Kunst des Verschwindens

Zu den poetischsten und radikalsten Beispielen temporärer Architektur zählen Eisbauten, die nur für die Dauer einer Saison errichtet werden. Das Sorrisniva Eishotel in Norwegen ist ein gutes Beispiel für diesen Ansatz: Jeden Winter wird es komplett aus dem Wasser und Schnee des Flusses Alta neu aufgebaut, nur um mit dem Einsetzen des Frühlings wieder darin zu schmelzen.

Hier ist Vergänglichkeit keine Einschränkung, sondern das Wesen des Projekts. Mauern, Gewölbe und Möbel aus Eis existieren in dem Bewusstsein, dass sie verschwinden werden. Jedes Detail ist für ein intensives, unwiederholbares Erlebnis gestaltet – eines, das in der Gegenwart und in der Erinnerung derer, die ihm begegnen, vollends nachwirkt.

Seine wahre Kraft liegt nicht in seiner Ausdauer, sondern in seiner Fähigkeit, den natürlichen Kreislauf der Materie zu offenbaren: Wasser wird zu Raum und Raum kehrt wieder zu Wasser zurück.

Bambusarchitektur: Leichtigkeit, Flexibilität, Wendbarkeit

Temporäre Architektur InPost 3

Bambus hat sich zu einem der charakteristischsten Materialien zeitgenössischer temporärer Architektur entwickelt. Er ist erneuerbar, leicht und bemerkenswert robust, wächst schnell und lässt sich mit minimalen Umweltauswirkungen auf- und abbauen, ohne dauerhafte Spuren im Boden zu hinterlassen.

Bambuspavillons, Gemeinschaftsräume und temporäre Bauten sind oft für eine begrenzte Lebensdauer konzipiert – eine Saison, eine Veranstaltung oder einen vorübergehenden Bedarf. Doch ihre Vergänglichkeit bedeutet nicht Zerbrechlichkeit. Ihre Stärke liegt gerade in ihrer Anpassungsfähigkeit – der Möglichkeit, umgestaltet, versetzt und wiederverwendet zu werden. Ein eindrucksvolles Beispiel ist der Bambus-Stalaktiten-Pavillon des vietnamesischen Architekturbüros Vo Trong Nghia Architects, der für die Architekturbiennale in Venedig 2018 errichtet wurde. Dieses Werk verkörpert die Dualität des Materials: fest und doch flexibel, temporär und doch eng mit seiner Umgebung verbunden.

Erdarchitektur: Bauen mit der Zeit

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Architektur aus Lehm stellt eine der authentischsten und radikalsten Formen der Nachhaltigkeit dar. Ton, Schlamm und Rohboden sind keine „minderwertigen“ Materialien, sondern lebendige Substanzen, die auf Feuchtigkeit, Temperatur und Erosion reagieren. Mit Lehm zu bauen bedeutet, den Wandel zu akzeptieren – Bauwerke unter dem Einfluss natürlicher Kräfte wachsen und altern zu lassen.

Diese Architekturen streben nicht nach Beständigkeit, sondern nach Harmonie mit ihrer Umgebung. Oberflächen brechen auf, Volumen werden weicher, und präzise Geometrien lösen sich in organische Formen auf. In vielen Fällen hat das Projekt kein endgültiges Ende: Es ist als allmähliche Rückkehr zur Natur konzipiert, wo das Gebaute schließlich wieder Teil der Landschaft wird.

Ein experimentelles Beispiel für diese Philosophie ist das Lib Earth House in Japan, entworfen von Lib Work. Das Gebäude, das aus lokalem Lehm und Kalk im 3D-Druckverfahren hergestellt wird, kommt ohne künstliche Bindemittel oder dauerhafte Industriematerialien aus. Es entsteht direkt aus dem Boden, der es trägt, und ist so konzipiert, dass es sich eines Tages auflöst und zur Erde zurückkehrt – ein natürlicher, zyklischer Prozess der Transformation von Erde zu Architektur und zurück.

Saisonale Architektur

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Manche Gebäude sind so konzipiert, dass sie im Einklang mit dem Rhythmus der Jahreszeiten erscheinen und verschwinden – Räume, die mit dem Klima atmen und nur zu bestimmten Zeiten des Jahres bewohnt werden sollen.

Die Vielfalt dieser Architekturen spiegelt die unterschiedlichen Klimazonen und Jahreszeiten weltweit wider. Beispiele reichen von Eisiglus in Lappland über temporäre Öko-Lodges aus Bambus, die während der Trockenzeit in Südostasien errichtet und mit Beginn des Regens wieder abgebaut werden, bis hin zu Biwaks in großer Höhe. Ein Beispiel in den Bergen ist die Starsbox zwischen Piemont und Ligurien, entworfen von Officina82 und inspiriert von Hirtenhütten: eine kleine, temporäre Struktur mit einziehbarem Dach, die jede Saison abgebaut und eingelagert wird und einen Ort bietet, an dem man die Sterne in der Natur beobachten kann.

In trockenen Regionen folgen Zeltlager in der Wüste demselben Prinzip der Vergänglichkeit und Reversibilität. Errichtet aus natürlichen oder leicht wiederverwendbaren Materialien, lassen sich diese Unterkünfte spurlos auf- und abbauen. Inspiriert von nomadischen Traditionen, respektieren sie das fragile Gleichgewicht dieser einzigartigen Umgebungen. Die Materialien selbst können in anderen Bauwerken oder Anwendungen wiederverwendet werden, wodurch die Architektur nicht nur von vornherein temporär, sondern auch von Natur aus nachhaltig ist.

In so unterschiedlichen Klimazonen wie nordischer Frost und Wüstenhitze eint diese Architektur ein gemeinsames Prinzip: Das Gebäude ist kein Besitzgegenstand, sondern ein Phänomen, das erlebt werden will. Mit dem Wechsel der Jahreszeiten löst sich die Architektur auf oder zieht sich zurück – und hinterlässt nur die Erinnerung an jene, die sie durchschritten haben, und eine unsichtbare, aber tiefgreifende Spur ihrer kurzen Existenz.

Was lehren uns Gebäude, die zum Verschwinden bestimmt sind?

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Vielleicht wird die Zukunft der Architektur nicht allein durch ikonische, permanente Bauwerke definiert, sondern auch durch reversible und diskrete Eingriffe – solche, die in der Lage sind, einen Ort genau so zu hinterlassen, wie sie ihn vorgefunden haben.

In einer Zeit, die von der Klimakrise und der dringenden Notwendigkeit, unsere Bauweisen zu überdenken, geprägt ist, eröffnet temporäre Architektur eine neue Perspektive: eine der Leichtigkeit, Stille und Achtsamkeit. Sie ermutigt uns, mit weniger Gewicht, weniger Lärm und größerer Sensibilität für Zeit, natürliche Zyklen und menschliche Erfahrung zu planen.

Denn manchmal sind die bedeutsamsten Architekturen diejenigen, die – sobald sie verschwunden sind – in der Erinnerung weiterleben.

dormakaba Redaktionsteam

Silvia Lugari

Silvia Lugari

Silvia Lugari gestaltet Orte und plant Veranstaltungen für die regenerierten Räume der Manifattura Tabacchi in Florenz. Nach ihrem Abschluss mit einem Master-Abschluss in Architektur an der Universität Florenz organisierte sie über zehn Jahre lang kulturelle Veranstaltungen und Reisen für Architekten und arbeitete mit den Zeitschriften 'Casabella' und 'The Plan' zusammen.

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